Familie Abraham in Biesenthal
Am Markt 5 und 3
Zu den ersten Stolpersteinen in Biesenthal gehören die Gedenksteine für die Familie Abraham.
Adolf und Adeline Abraham zogen ca. 1910 von Sellnow bei Arnswalde (heute: Zieleniewo bei Choszczno) im heutigen Polen nach Biesenthal und übernahmen das Geschäft am Markt 5 von Gustav Löwenthal. Biesenthals Stadthistorikerin Gertrud Poppe vermutet familiäre Bindungen zwischen beiden Familien, für die aber bisher keine Belege gefunden werden konnten. Das „Kaufhaus Abraham“, das über viele Zeitungsannoncen belegt ist, verkaufte in den 10er und 20er Jahren „Weißwaren“ (=Porzellan), Stoffe und Kleidung.
Bereits in Sellnow, wo die (mindestens) sieben Kinder von Adolf und Adeline geboren wurden, führten die Abrahams ein Kaufhaus. Dieses wurde von ihrem ältesten Sohn Max Leopold Abraham (geb. 30.4.1881) weitergeführt, während die Eltern mit den jüngeren Kindern nach Biesenthal zogen.
Die Abrahams praktizierten ihren Glauben und waren der jüdischen Kultur verbunden. Das lässt sich daraus schließen, dass sie wiederholt Mitarbeiterinnen über das israelitische Familienblatt suchten und in dieser Zeitschrift später auch eine Traueranzeige für Adeline veröffentlichten. Das israelitische Familienblatt war eine kostenlose, konservativ-unpolitische Wochen-Zeitschrift, die deutschlandweit an Mitglieder der jüdischen Gemeinden ausgeteilt wurde und von 1898 bis 1938 erschien. Sie vermittelte jüdische Werte und ein jüdisches Gemeinschaftsgefühl, in dem sie beispielsweise koschere Rezepte abdruckte oder über bekannte jüdische Persönlichkeiten informierte. Im ersten Weltkrieg vertrat die Zeitung eine klare deutschnationale Haltung. Auch diese dürften die Abrahams geteilt haben.
Mehrere der Söhne der Abrahams kämpften im ersten Weltkrieg und ihr wahrscheinlich jüngster Sohn, Julius Abraham, geboren 1891, fällt am 24.8.1914 an der Front. Auch zwei weitere Söhne Herbert und Leo dienten im Krieg und wurden jeweils mit einem Eisernen Kreuz zweiter Klasse ausgezeichnet. Mindestens Herbert war zu Beginn des Kriegs „Kriegsfreiwilliger“, was die Annahme einer deutsch-nationalen Haltung in der Familie bestätigt.
Nach dem Tod seines Vaters 1916 übernahm Leo Abraham das Geschäft in Biesenthal. Er heiratete Johanna Schoeps und sie bekamen in den 1920er Jahren zwei Kinder: Günther Julius und Helga Adda. Außerdem mit im Haushalt lebte neben Leos Mutter Adeline (bis zu ihrem Tod 1925) auch Johannas Mutter Ernestine.
Auch zwei Schwestern der Familie Abraham lebten in Biesenthal:
Die Älteste, Margarete, genannt Grete, heiratete Gustav Borchardt und führte mit ihm bis 1933 ein Lebensmittelgeschäft in der Breite Straße 59 in Biesenthal. Für sie und ihre Familie liegen Stolpersteine in Berlin.
Die zweitälteste Tochter war Sidonie, genannt Toni. Sie wohnte direkt nebenan am Markt 3. Laut einem Gedenkblatt in Yad Vashem arbeitete sie als Verkäuferin, wahrscheinlich im Geschäft ihres Bruders. Aus einer zur Zeit des Nationalsozialismus erstellten Kartei geht hervor, dass sie in den 30er Jahren zu Familie Abraham in die Wohnung am Markt 5 gezogen ist. Dort ist 1936 ihre Adresse belegt. Laut ihrer ehemaligen Wirtin zog sie jedoch nach Eberswalde in eine Hinterhofwohnung. Möglicherweise war am Markt nur ihre Meldeadresse.
Auch die jüngste Schwester Edith, lebte laut Recherchen von Gertrud Poppe zeitweilig mit ihrem Sohn Werner bei den Abrahams in Biesenthal. Wann und aus welchem Grund ist jedoch nicht bekannt.
1933 lebte die Familie bereits seit über 20 Jahren in Biesenthal. Ihre beiden Kinder gingen an die Biesenthaler Volksschule (heute Grundschule am Pfefferberg) und ihr Geschäft, das auch schon davor lange in jüdischer Hand war, gehörte selbstverständlich ins Stadtzentrum.
Als die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland begann, wurde der Familie systematisch die Lebensgrundlage entzogen: Direkt vor dem Geschäft wurden an einer Tafel alle, die bei Abrahams einkauften, öffentlich angeprangert. Jede Person, die im Geschäft einkaufte wurde dort aufgeführt. Gertrud Poppe hat zudem Erzählungen gesammelt, z.B. von einer Biesenthalerin, die sich daran erinnert, dass sie als Kind ein schönes Kleid bei Abrahams gekauft hatte und es zu einer Messe trug, dann aber dafür angefeindet wurde und gezwungen wurde es zurückzugeben.
1935 mussten die Kinder der Abrahams die Grundschule verlassen (dies ist durch eine Schultransferkarte belegt für Helga, es ist aber anzunehmen, dass Julius dieses Schicksal teilte) und 1938 sah sich die Familie schließlich gezwungen das Geschäft aufzugeben und ihr Haus zu verkaufen. Das Haus wurde von der Biesenthaler Sparkasse übernommen, die im Dezember 1938 am Markt ihre Filiale eröffnete.
Wie viele jüdische Familien aus dem Berliner Umland zogen die Abrahams nach Berlin. Die jüdische Bevölkerung wurde in den Dörfern und Kleinstädten Brandenburgs zu dieser Zeit so weit ausgegrenzt, so dass weder Arbeitsmöglichkeiten bestanden, noch irgendein soziales Leben möglich war. Die NSDAP sorgte bis 1938 durch öffentlichen Druck, wie am Beispiel der Tafel vor dem Laden, für Ausgrenzung, so dass alle, die mit den Abrahams Kontakt hatten, z.B. bei ihnen einkauften, mit Schikanen zu rechnen hatten. Es bestand daher die Hoffnung in der Anonymität der Großstadt nicht sofort als jüdisch erkannt und dadurch im Alltag nicht mehr in demselben Ausmaß überwacht und angefeindet zu werden. Die gesamte Familie, d.h. die Eltern Johanna und Leo, die Kinder Günther und Helga, und die Tante Toni wohnten ab Sommer 1938 zusammen in der Flensburger Str. 7 in Berlin Tiergarten.
Doch die Gesetzgebung der NSDAP machte sehr schnell jede Hoffnung auf eine Besserung der Situation unmöglich. Ab dem 1.1.1939 mussten alle jüdischen Menschen zwangsweise den Zweitnamen „Sara“ bzw. „Israel“ tragen. Dieser stigmatisierende Zweitname wurde genutzt, um jüdische Menschen überall dort zu identifizieren, wo sie ihren Namen nennen mussten, z.B. bei Behörden, aber auch bei Banken und bei Vertragsabschlüssen. Für die Eintragung der Zweitnamen für seine Kinder war Leo Abraham gezwungen am 25.11.1938 nochmal nach Biesenthal zu kommen und eine entsprechende Erklärung abzugeben, wie sich in den Büchern des Standsamtes nachlesen lässt.
Mit Beginn des Kriegs wurde die Situation für die jüdische Bevölkerung in Deutschland noch unerträglicher. Viele mussten Zwangsarbeit leisten. Den Kindern war bald der Schulbesuch verboten. Auch sonst hatten sie keine Perspektive. Die Versorgung mit Lebensmitteln war dürftig und es gab vielfältige Schikanen, z.B. ein Verbot oder starke Einschränkungen den Gehweg oder den ÖPNV zu nutzen. Ab September 1941 mussten sie schließlich den Judenstern tragen, der eine noch weitergehende Diskriminierung im Alltag beförderte.
Ob die Abrahams jemals versuchten zu fliehen, ist unbekannt. Da noch Mitte der 30er Jahren für die Träger von Auszeichnungen aus dem ersten Weltkrieg besondere Ausnahmen galten (sog. Frontkämpferprivilegien), mag es sein, dass Leo Abraham zu lange davon ausging, dass ihn diese schützen würden. Eine Flucht ins Ausland war ab 1940 kaum noch möglich.
Wahrscheinlich konnte die Familie ab Herbst 1941 ahnen, was ihnen bevorstand. Am 17.11.1941 wurde Werner Falk, der etwa gleichaltrige Cousin von Günther und Helga als erster der Familie deportiert und in Kauen kurz nach seiner Ankunft ermordet. Seine Tante Grete Borchardt wird Anfang 1942 nach Riga verschleppt. Auch von ihr gibt es kein weiteres Lebenszeichen. Sie wurde möglicherweise im Rahmen der sogenannten „Aktion Dünamünde“ ermordet, in der vor allem Ältere und Schwächere im Frühjahr 1942 unter dem Vorwand in einem anderen Arbeitslager in Dünamünde zukünftig leichtere Arbeiten verrichten zur dürfen, selektiert und in den nahegelegenen Wäldern erschossen oder vergast wurden. Möglicherweise starb sie aber auch wie viele andere an den schlechten Lebensbedingungen im Ghetto Riga.
Ernestine Schoeps, die Mutter von Johanna wohnte laut der Berliner Meldebehörde bis zu ihrem Tod am 7.9.1942 in einem jüdischen Pflegeheim, welches aber von den Nazis bereits im September 1941 geschlossen wurde. Was mit ihr in dem Jahr nach der Schließung geschah ist nicht bekannt, wahrscheinlich wurde sie wieder von Familie Abraham aufgenommen und bis zu ihrem Tod gepflegt.
Am 12.1.1943 wurde die restliche Familie Abraham zusammen mit Toni, Leos Schwester, nach Auschwitz deportiert und dort vergast. Fast alle Kinder und Enkelkinder von Adolf und Adeline Abraham sind im Mai 1945 tot. Die meisten wurden von den Nazis ermordet. Nur von den drei Söhnen von Grete Borchardt ist bekannt, dass sie überlebten.
Eine Cousine von Grete, Leo und Toni Abraham füllte 1997 in Yad Vashem Gedenkblätter für sie und ihre Familien aus.Die Gedenkblätter für Günther und Helga enthalten dabei weder einen Namen, noch ein Geschlecht und auch die Geburtsjahre waren nur geschätzt. Offenbar wusste diese Cousine nur, dass Leo und Hanni Abraham zwei Kinder hatten, die in den 20er Jahren geboren wurden.
Die Nazis haben sich bemüht jedes Andenken an sie und ihre Familie zu vernichten. Es gibt keine bekannten Fotos oder persönlichen Gegenstände. Die Spurensuche ist ein Puzzle, das immer unvollständig bleiben wird. Die nun verlegten Stolpersteine, als Orte der Erinnerung, sollen diese Leerstellen sichtbar machen.
Einen herzlichen Dank an dieser Stelle an Gertrud Poppe, die sich in den 90er Jahren bemüht hat Erinnerungen an die Abrahams zu sammeln und zu bewahren.
Elliot Müller, Januar 2026
Quellen (Auswahl)
- Yad Vashem Gedenkblätter:
- https://collections.yadvashem.org/en/names/1780170
- https://collections.yadvashem.org/en/names/1837585
- https://collections.yadvashem.org/en/names/1819633
- https://collections.yadvashem.org/en/names/1780163
- https://collections.yadvashem.org/en/names/1780126
- https://collections.yadvashem.org/en/names/1771209
- https://collections.yadvashem.org/en/names/1459850
- https://collections.yadvashem.org/en/names/13723416
- https://collections.yadvashem.org/en/names/13740177
- Deportationsliste 26. Osttransport 12.1.1943 Berlin nach Auschwitz (Arolsen Archives):
- Schuldokumente von Helga Abraham (Arolsen Archives):
- Todesmeldung von Ernestine Schoeps (Arolsen Archives):
- Sammlung von Gertrud Poppe (Stadt Biesenthal).
- Informationen über das Israelitische Krankenheim
- Geburtsregister von Helga und Günther Abraham (Standesamt Biesenthal)
- Standesamtsunterlagen zum Tod von Adolf und Adeline Abraham (Kreisarchiv Barnim)
- Handakte 20 Nr. 7 Liste jüdischer Einwohner im Kreis Oberbarnim von 1936 (Kreisarchiv Barnim)
- Adressbücher von Biesenthal aus den Jahren 1914 und 1929/30
- Zeitungsausschnitte im israelitischen Familienblatt:
- Putzkraft gesucht (1913): https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/11326899?query=biesenthal
- Verkäuferin gesucht (1912): https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/11316426?query=biesenthal
- Traueranzeige Adeline (18. Juni 1925 Israelitisches Familienblatt, Seite 5 Nr. 25)
https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/11333843?query=biesenthal
- Leo Abraham (Gemeindebote, 16.7.1915)
- Julius Abraham (Die jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres, der deutschen Marine und der deutschen Schutztruppen 1914 - 1918 : ein Gedenkbuch / hrsg. vom Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten)
- Herbert Abraham (Verlustlisten 1. Weltkrieg, Seite 24363, 18.6.1918)
- Informationen zu Grete Borchardt (Stolpersteine Berlin)
- Jäger-Report
